Bulgaren und Schwaben haben so einiges gemeinsam – Interessante Einblicke am Bulgarienabend  bei Ravensburger WIN-Wochen

(Fotos von diesem Abend finden Sie hier)

Am 7.10.2015 fand im Rahmen der Wochen der Internationalen Nachbarschaft (WIN-Wochen) der Stadt Ravensburg im Magdalenensaal in Weißenau ein Informationsabend zu Bulgarien statt: „Bulgarien, das unbekannte Land am Rande von Europa!“. Damit war Bulgarien thematisch zum ersten Mal bei den Ravensburger WIN-Wochen vertreten und die Veranstaltung war mit 60 Personen gut besucht. Der Abend wurde von der Bulgarienhilfe Oberschwaben e.V. und dem Bulgarisch-Deutschen Sozialwerk „St. Andreas“ e.V. (BDS) organisiert. Gastgeber war der Christliche Familienkreis in Weißenau.

Nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden der Bulgarienhilfe Oberschwaben, Bernd Bergemann, und den Geschäftsführer des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerks, Axel Sans, wurden aktuelle Bilder aus Bulgarien gezeigt. Andreas Keiser von der Deutsch-Bulgarischen Vereinigung in Bayern e.V. aus München gab dann einen Überblick zu Daten und Fakten über Bulgarien. Beim anschließenden Podiumsgespräch tauschten sich die in Oberschwaben lebenden Bulgaren, Yana Kaplan und Dr. Michael Lazerow, deutschen Bulgarien-Aktivisten Claus Matten, Andreas Keiser und Monika Heitmann sowie ein äußerst aufmerksames und interessiertes Publikum unter Moderation von Bernd Bergemann zu Bulgarien aus.

Während von knapp 49 000 Einwohnern in Ravensburg 481 Rumänen sind, gibt es nur 42 Bulgaren, so Axel Sans bei der Begrüßung. Bernd Bergemann betonte dass  beide deutsch-bulgarischen Vereine in Bulgarien wertvolle Unterstützung leisten. Andreas Keiser wies in seinem Statement darauf hin, Bulgarien sei gar nicht so klein wie vielfach angenommen, verfüge dafür aber nur über zwei Brücken über die Donau. An Volksgruppen tun sich neben den ethnischen Bulgaren auch die ethnischen Türken, muslimische ethnische Bulgaren (Pomaken) und Roma hervor. Obwohl 94 % der Menschen in Bulgarien über Wohneigentum verfügen, bleibt Bulgarien beim Jahreseinkommen siebenmal hinter Deutschland zurück. Dabei sind die Unterschiede im Land sehr hoch. Während Sofia, was die Kaufkraft angeht, durchaus mit Städten wie Dresden und Leipzig vergleichbar ist, liegt das Land ansonsten durchschnittlich nur bei 30 % des EU-Durchschnitts. Während die einen Bulgaren alle Chancen nutzen, die sie haben und gerne auch im Ausland studieren, ist dies der Mehrheit  der Bevölkerung nicht möglich, z.B. Menschen in den Hüttensiedlungen bulgarischer Roma. Das Land „blutet aus“, was seine jungen Menschen angeht und hat bereits ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Jede Stunde verlassen 8 Bulgaren das Land und wenn es so weiter geht wird im Jahre 2134 der letzte Bulgare die Tür zu seinem Land hinter sich zugemacht haben. Bulgarien ist das einzige Land auf der Welt, bei dem der ehemalige Leibwächter eines ehemaligen Premiers nun selbst Premier ist.

Yana Kaplan, die aus Südbulgarien stammt, ist in Deutschland verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Wolpertswende. Sie unterstützt von Deutschland aus insbesondere alte Leute in der äußerst dünn besiedelten Heimat wie z.B. im weit abgelegenen Dorf Huchla an der griechischen Grenze,das über kaum Infrastruktur (einmal pro Woche kommt ein Brotwagen) und kaum junge Menschen verfügt. In Oberschwaben fehlt ihr manchmal die Emotionalität und Offenheit, mittels derer sich Schwierigkeiten ihrer Meinung nach nicht nur in Bulgarien leichter bewältigen lassen. Ihre Mutter hat als engagierte Lehrerin bereits lange bevor sich auch die EU dafür zu interessieren begann dafür gesorgt, dass auch bulgarische Kinder mit Roma Herkunft zur Schule gehen. Dr. Michael Lazarov, der schon seit 15 Jahren in Deutschland lebt und als Oberarzt in der Chirurgie im Krankenhaus in Bad Waldsee arbeitet, sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Bulgarien. Der schwäbische Ausdruck „es könnte besser gehen!“ erinnert ihn nicht nur als Arzt an seine alte Heimat. Michael Lazarov hat in Varna und in Berlin studiert und hat nach dem Studium sofort in Deutschland verschiedene Stellengebote erhalten, was gar keine Seltenheit für bulgarische Ärzte ist, wie Andreas Keiser feststellt. So habe der Rettungsdienst in Sofia, dem statt 55 benötigten nur 11 Notärzte zur Verfügung stehen, in Notfällen Wartezeiten von 5-6 Stunden. Michael Lazarov glaubt, dass die Bulgarinnen und Bulgaren die Schwierigkeiten und Herausforderungen in ihrem Land meistern können, wenn sie dabei Unterstützung auch aus dem Ausland erfahren.

Dass sich Bulgarinnen und Bulgaren nicht zurücklehnen, sondern Herausforderungen mit viel Kreativität und Unternehmergeist meistern, ist auch die Erfahrung von Monika Heitmann, die seit 13 Jahren als Diplom-Pädagogin und Spezialistin für Soziale Arbeit des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerks Initiativen einheimischer Partner vor Ort in Bulgarien unterstützt, wie z.B. Bildungsprojekte zur Bekämpfung der Schulabbrecherrate bulgarischer Roma-Kinder, eine Mobile Jugend- und Familienarbeit zur Selbsthilfe sozial exkludierter Bevölkerungsgruppen oder ein Zentrum zur gegenseitigen Hilfe für Pflegefamilien. Auch kann mit Spenden aus Deutschland geholfen werden, wie z.B. vom deutschen Freundeskreis im Rahmen des Familienfonds oder der Fluthilfe. Dabei werden materielle Spenden als „flankierende“ Maßnahmen verstanden, die der Beratung und Schulung von Fähigkeiten benachteiligter Menschen und kleinräumiger Gemeinschaften auch ganz praktisch auf die Sprünge helfen.

Claus Matten kommt aus Ravensburg und hat als stellvertretender Vorsitzender der Bulgarienhilfe in den letzten Jahren nicht nur zahlreiche Sehenswürdigkeiten sondern auch soziale Institutionen in Bulgarien besucht. Die Bulgarienhilfe Oberschwaben unterstützt dabei Initiativen und soziale Institutionen durch Hilfe zur Selbsthilfe. Claus Matten berichtete  von der Zusammenarbeit mit der Suppenküche der Schwestern von Mutter Teresa, Kinderheime oder ein privates Hospiz in Varna, das unterstützt wird. Claus Matten berichtete auch von den Kontakten zur Orthodoxen Kirche, die in der Bevölkerung Vertrauen besitzt und langsam anfängt sich auch sozial zu engagieren. Als durchaus ökumenischer Mensch hat er in diesem Rahmen auch orthodoxe Gottesdienste wie z.B. mit dem inzwischen verstorbenen Metropolit Kirill von Varna für Gefangene orthodoxen Glaubens in der Vollzugsanstalt Ravensburg initiiert und organisiert. Der Abend klang mit angeregten Gesprächen zu Bulgarien bei bulgarischem Wein und bulgarischer Baniza aus.